index profil user listen avas unterkunft länder szenen suche

Dieses Forum nutzt Cookies
Dieses Forum verwendet Cookies, um deine Login-Informationen zu speichern, wenn du registriert bist, und deinen letzten Besuch, wenn du es nicht bist. Cookies sind kleine Textdokumente, die auf deinem Computer gespeichert sind; Die von diesem Forum gesetzten Cookies düfen nur auf dieser Website verwendet werden und stellen kein Sicherheitsrisiko dar. Cookies auf diesem Forum speichern auch die spezifischen Themen, die du gelesen hast und wann du zum letzten Mal gelesen hast. Bitte bestätige, ob du diese Cookies akzeptierst oder ablehnst.

Ein Cookie wird in deinem Browser unabhängig von der Wahl gespeichert, um zu verhindern, dass dir diese Frage erneut gestellt wird. Du kannst deine Cookie-Einstellungen jederzeit über den Link in der Fußzeile ändern.


[Tagebuch] [Liechtenstein] Selbstbetrachtungen
Wien, 2013
#1
Greinburg, 31.5/1.6.

Die Aussicht von Schloss Greinburg ist großartig. Ich kann von meinen Räumen auf die nächtliche Donau sehen. Draußen ist es ruhig, ich wäre lieber unten am Fluss, auch wenn es schon halb zwei in der Früh ist. Das Licht im Zimmer habe ich ausgemacht und ich lehne am geöffneten Fenster.

Mutter telefoniert nebenan mit Nonna und zankt gleichzeitig mit den Bodyguards, ein Zimmer weiter sägt Alois Regenwälder ab, während Gitta mit Ohrstöpseln auf dem Sofa liegt. Zuhause wäre sie ins Gästezimmer gegangen, hier kann sie ihm allerdings nicht entfliehen. Morgen wird sie sich rächen, worauf ich schon sehr gespannt bin. Natürlich ist es eine Ehre für meinen Cousin, dass er zur Konferenz mitkommt, der ehemalige Kronprinz darf sich an der Seite des neuen Fürsten sehen lassen, jeder sieht, wieviel Wert ich auf seine Unterstützung lege. Früher hätte er noch seinen Kopf für seine Beleidigungen verloren, heute bekommt er von mir Lob und Komplimente für seine Mitarbeit und muss damit leben. Theoretisch gibt es die Todesstrafe bei uns noch, doch das letzte Urteil wurde vor hundertfünfzig Jahren vollstreckt.

Ich mag die Greinburg, wie meins ist sie eine Wohnburg. Mein Schloss. Wie seltsam sich das anhört. Neben Schloss Vaduz gehört mir Hohenems, der Besitz geht immer vom Vater auf den Sohn über. Ich habe sowohl Vaters als auch Onkels Erbe angetreten, und nun repräsentiere ich Liechtenstein auf der Konferenz. Ich, der stille Schatten meines Onkels, bin nun der Fürst.

Es klingt anmaßend, doch so ist es nun einmal. Mindestens genauso anmaßend, kaum anderthalb Monate im Amt diese Zeilen Selbstbetrachungen zu nennen. Kaiser Marc Aurel schrieb die seinigen erst gegen Ende seines Lebens, er starb in einem Heerlager von Vindobona, dem heutigen Wien, ausgerechnet an einem 17. März. Trotzdem halte ich das für ein gutes Zeichen.

Guschti jault leise im Schlaf. Er vermisst seinen früheren Herrn immer noch, vielleicht träumt er von ihm, so wie ich es tue. In meinem Traum laufe ich in den Innenhof, Tante kommt mir entgegen und ich rufe "Wo ist Onkel?", als ob ich wieder fünf Jahre alt wäre. Aber sie steht nur da und bekommt kein Wort heraus. Dann sehe ich ihn in der Einfahrt stehen, er winkt mir zu, doch als ich loslaufen will, sind meine Beine festgewachsen und ich sehe, dass er wieder geht.

Ich schaue auf mein Handy, ob es irgendetwas Neues in der virtuellen Welt gibt. Louis' und Vickys Skype-Status hat von 'Offline' zu 'Anwesend' gewechselt. Wenn die Katze aus dem Haus ist... Ich schreibe ihnen 'Aha' und einen Zwinkersmiley in den Chat. Beide strecken mir die Zunge heraus. Vicky schreibt: 'Wenn du das Mamma erzählst, lösche ich alle deine Spielstände auf der Playstation' Dann überfliege ich die Mails vom Regierungsrat und den Gemeinderepräsentanten, darum werde ich mich morgen nach dem Frühstück kümmern. Hans-Hermann und Harald teilen sich den Stellvertreterposten, so kann mir Ersterer keine Informationen vorenthalten. Ich werfe noch einen Blick auf die Transfermarkt-App und stecke das Handy ein.

Im Fluss spiegeln sich die Lichter des Schlosses. Wie ruhig und friedlich das aussieht, und doch herrschen Krieg und Unruhe auf der Welt. Nicht einmal in meiner eigenen Familie gibt es Frieden. Ich bin auf die Begegnungen gespannt, sowohl Freunde als auch auf Feinde. Sogar die Präsidentin der selbsternannten Vereinigten Staaten von Amerika ist in Wien. Sie hat sich ihre Anwesenheit hier erpresst. Nicht dass ich diese Rebellen und ihren unrechtmäßigen Staat anerkennen würde, aber ich bin neugierig.

Und ich bin neugierig, wie die anderen Herrscher auf mich reagieren. In meinem Alter ist man gewöhnlich noch Thronfolger und wird es noch eine lange Zeit bleiben. Heutzutage. Viele meiner Altersgenossen führen ein unbeschwertes Leben ohne große Verpflichtungen. Heinrich I. von Liechtenstein war sechzehn Jahre alt, als er der erste Fürst unseres Hauses wurde und schaltete nach und nach seine Widersacher aus, durch geschicktes Taktieren und durch gezielt eingesetzte Gewalt. Ich hätte bestimmt nicht fünfundzwanzig Pferde für Onkels Begräbnis geopfert oder die Köpfe meiner besiegten Feinde auf den Burgzinnen präsentiert. Doch ich bezweifle nicht, dass diese Taten Eindruck gemacht haben.

Guschti ist aufgewacht. Er kommt zu mir gesprungen und will, dass ich mit ihm nach draußen gehe. Mutter quasselt immer noch mit Nonna, dann bleibt mir wenigstens die Diskussion um nächtliche Spaziergänge erspart. Ich schnappe mir die Leine und gehe, begleitet vom Hund und meinen Schatten (wie ich meine Bodyguards gerne nenne), raus in die Nacht.
Antworten
#2
Greinburg, 1.6., abends


Kaum ist mein erster Tag in Österreich vergangen, trudelt schon die erste Schreckensnachricht ein. König Frederic Brynjar ist ermordet worden, feige aus einer Gruppe Journalisten heraus. Es fällt mir schwer mich auf die Videokonferenz mit Hans und Harald zu konzentrieren, die zuhause die Stellung halten. Doch darf ich mich nicht von persönlichen Gefühlen von meinen Pflichten abhalten lassen, also besprechen wir weiterhin die Tagesordnungspunkte der nächsten Landtagssitzung, bei der ich nur kurz via Livestream anwesend sein kann. Mutter ist völlig aufgelöst und kaum zu ertragen. Sie ruft jede Stunde bei meinen Geschwistern an, ob bei ihnen alles in Ordnung ist und macht unserem Sicherheitspersonal die Hölle heiß.

Wir gehen am Abend zur Vesper in die Kapelle der Greinburg. Die Liturgie soll mir helfen, meine Gedanken zu sortieren und Mutter sich zu beruhigen. Alois wirft immer wieder Seitenblicke auf mein Stundenbuch. Es ist das Onkel Abrechts, er hatte es mir zum 18. Geburtstag geschenkt. Ich muss immer wieder an ihn und Vater denken. Waren es bedauerliche Zufälle, dass sie sterben mussten? Vater ging beim Bergsteigen immer bis an sein Limit, doch vernachlässigte nie die Sicherheit. Irgendwann ist der Berg stärker und holt sich den, der ihn herausfordert. Das hat er mir stets gesagt und gelacht. Und Onkel, er war nie einer derjenigen, von denen ich dachte, dass sie durch einen Herzanfall sterben. Bei meinem letzten Besuch im Spital sah er zwar noch mitgenommen aus, aber wirkte so zuversichtlich und seine Augen leuchteten, als wir von Wien sprachen. Was, wenn jemand die Apparate manipuliert oder sich beim Personal eingeschlichen hatte? Ich nehme mir vor, Untersuchungen anstellen zu lassen. Auch über das Verschwinden Willemijnes . Es kann nicht angehen, dass wir weiterhin ein Mäntelchen des Schweigens darüber ausbreiten. Harald ist immer noch mit ihr verheiratet. Seit zwölf Jahren und er hat weder eine Ehefrau an seiner Seite noch Nachkommen. Sicherlich, wir können uns kaum über Nachwuchs beklagen; Vater sagte gern vor versammelter Mannschaft, dass die Liechtensteiner sich wie die Karnickel vermehrten…

‚Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht…’, höre ich den Priester die Psalmodie beginnen, ‚damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat’ Wie gut seine Worte zu meiner Situation passen. Nicht, weil ich der älteste Sohn eines Herrschers bin, wurde ich zum Fürst ernannt, sondern von Gottes Gnade, welche Onkel Abrecht erkennen ließ, dass ich besser als sein eigener Sohn für die Nachfolge geeignet bin. Und dort, wo sich der Wille der Menschen meint, über den Willen Gottes zu erheben, entsteht Chaos. Ob es aus der Weigerung entsteht, seinen Willen über seine Verpflichtungen gegenüber Gott und Vaterland zu erheben oder gegen die Ordnung der Welt, bricht Leid über die Menschen aus.

Das Magnificat spricht es deutlich an…nicht die Menschen stürzen die Mächtigen und erhöhen die Niedrigen, wie die Raben es vermeinen zu tun, sondern der Herr. Würde Onkel noch leben oder hätte mich nicht zu seinem Nachfolger ernannt, so hätte ich mich in meinen Platz gefügt. Ich hatte nie Ambitionen und erfüllte dennoch meine Pflichten, als ob es gerade auf mich ankäme. Dafür bin ich nun belohnt worden, zu einem hohen Preis.

Bei den Fürbitten muss ich mich arg zusammennehmen…ich bin kein überemotionaler Mensch, so wie Mutter, die gerade anfängt zu schluchzen. Und doch vermisse ich Vater und Onkel Abrecht in diesem Augenblick so sehr, dass mir Tränen in die Augen steigen.

‚Komm den Hirten deines Volkes zu Hilfe, damit sie leiten und hüten, bis du kommst’

Das ist mein Auftrag.

‚Erbarme dich aller, die auf dem Weg müde geworden sind, lass sie Freunde finden, die ihnen helfen’

Und darum bin ich hier.

‚Offenbare dich allen Verstorbenen, schenke ewiges Leben allen, die auf dich hören’

Ich beiße die Zähne zusammen, wenn ich mit Mamma alleine hier gewesen wäre, so hätte ich wohl meine Tränen laufen lassen, an den anderen Anwesenden hätte ich mich auch nicht gestört, doch vor Alois will ich keine Schwäche zeigen.

„Gib meinem Vater und Onkel einen guten Platz bei dir, sie haben es durch ihre Taten verdient“, lautet meine Bitte, „und allen guten Menschen, die von den Rebellen ermordet wurden“

Ich denke, dass ich das nachher noch poste. Das klingt gut.

Der Hund springt erfreut am Eingang auf, als wir die Kapelle verlassen. Ich fühle mich gestärkt und leichter ums Herz. Mutter tupft sich die Nase und Augen ab, bleibt aber ruhig und tippt in ihr telefonino nur eine kurze Nachricht an meine Geschwister, die nun ihrerseits besorgt waren, dass sie sich eine Stunde lang nicht gemeldet hat. Ohne großes Theater lässt sie mich mit dem Hund (und Bodyguards) ans Ufer der Donau gehen. Ich wünschte, ich hätte Sherazade mitgenommen, ein Ausritt mit meinem Goldmädchen wäre mir gerade recht. Vielleicht lasse ich sie nachholen.

Es ist ein schöner, friedlicher Sommerabend am Fluss, den es nicht kümmert, was in der Welt geschieht. Mich kümmert es in diesem Augenblick ebensowenig und ich genieße es.
Antworten
#3
1.6./2.6. Greinburg, am Flussufer

Ich sitze am Flussufer auf einem Baumstamm. Guschti sitzt neben mir, ich habe die Leine sicherheitshalber an einen Ast gebunden, ich weiß nicht, ob die Strömung nicht zu stark für ihn ist. Der Hund scheint zufrieden zu sein, wenngleich er immer wieder Gerüche wittert, die ihn locken. Ich sehe dem dunklen Wasser zu, wie es vorbeiströmt ein dunkler, ewiger Zug und ich befinde mich wieder an der Spitze des Trauerzugs von Onkels Begräbnis. Diesmal nach der Grablegung in der Gruft der Fürsten von Liechtenstein, auf Gundakars Rücken. Gundakar war Onkels Reitpferd, ein schwerer Rapphengst, ein Murgese, der einer alten italienischen Rasse von Barockpferden entstammt. Mit seiner langen welligen Mähne und dem stolzen Auftreten sicher ein Traum vieler pferdebegeisterter Mädchen, doch kein Mädchenpferd, sondern für einen Herrscher. Onkel wusste sein Auftreten einzusetzen und ich nutze das, was er mir hinterlassen hat, um meinen legitimen Anspruch zu untermauern. Ich hatte beschlossen, eine archaisch anmutende Tradition wiederaufleben zu lassen, da ich einen Eindruck machen muss. Zu zeigen, dass ich kein Emporkömmling von Onkels Gnaden bin, dass ich nicht nur irgendein Ersatz für Alois bin, war und ist mein Ziel. Daher musste ich eigene Wege gehen, aber meinem Volk zeigen, dass es mir um Liechtenstein und stolz auf dessen Errungenschaften bin. Menschen reagieren empfindlich auf allzu radikale Veränderung, und das hatte ich gewiss nicht vor. Ganz im Gegenteil. So belebte ich eine alte, für heutige Zeiten vielleicht archaische und martialische Tradition. Ich führte Gundakar zur Grablegung und ritt auf ihm zurück, mit dem Schwert der Fürsten von und zu Liechtenstein, angefangen mit Heinrich I. im 13. Jahrhundert. Nun, 700 Jahre später trage ich das Fürstenschwert, sitze auf dem Pferd meines Vorgängers. Die Hufe hallen schwer auf dem Kopfsteinpflaster, Gundakar ist ein tänzelnder Berg aus Muskeln und glänzend schwarzem Fell, Nachfahre von Streitrössern und ich bin sein Herr, so wie es Onkel vor mir war. In den Straßen stehen die Standarten mit den Farben Liechtensteins, und mit meinem Wappen, einer stilisierten Biene, umspielt von Trauerflor.

Es ist ein Signal. An die Welt, die im Fernsehen und übers Internet diese Zeremonie mitverfolgt, an die Einwohner Liechtensteins und an die Gäste aus dem Hochadel, und vor allem an meine Cousins. An Alois und Hans-Hermann, die mich und Mamma beschuldigt hatten, ihren Vater manipuliert oder das Testament gefälscht zu haben. Ich bin allerdings ruhig geblieben, ich habe sie weder bestraft noch mache ich ihnen Vorwürfe. Ich zeige ihnen, dass ich der Fürst bin und dass ich mit meiner Macht umzugehen weiß. Persönliche Rachegefühle stelle ich hintenan. So wie ich so viele persönliche Wünsche hintenan stelle, um meinem Land zu dienen. Wenn ich erst einmal meine Stellung gefestigt habe, so kann ich vielleicht später persönlichen Bedürfnissen nachgehen. Dazu habe ich ein Versprechen abgegeben, doch zuallererst muss ich Onkels Vertrauen würdig erweisen und diese Aufgabe hat soeben begonnen. Ich schließe meine Hand fester um den Schwertgriff und spüre wie sich der Ring Heinrichs in meine Finger gräbt...

Selbst im Zwielicht dieser Sommernacht scheint der Ring sein eigenes goldenes Leuchten abzusondern. Der Stern, dem ich folgen muss. Mir ist es noch nicht gelungen mein Versprechen einzulösen, diese drei Monate haben viel Zeit und Kraft gekostet. Ich bereue es nicht, all dies investiert zu haben und ich werde wegen der Konferenz einen weiteren Monat warten müssen. Indes stehen meine persönlichen Wünsche zurück. Guschti döst bereits mit dem Kopf auf den Vorderläufen. Es wird Zeit, schlafen zu gehen.
Antworten
#4
4.6., abends - Palais Liechtenstein, Wien

Ich habe den ganzen Tag in Wien verbracht, Treffen mit Verbündeten, Konferenzen, das volle Programm. Es fühlt sich merkwürdig ohne Onkel Abrecht an, die ganze Verantwortung liegt nun bei mir. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf mich. Man erwartet Aussagen, Entscheidungen von mir. Aber es gelingt mir gut und ich habe das Gefühl, das Richtige zu tun. Als ob Onkel neben mir stehen würde und mir zufrieden zunicken würde. Ich habe die Mittagspause genutzt, um mich mit Gregor und Leonore zu treffen. Es ist gut, alte Freunde zu sehen und über andere Dinge als die Konferenz zu sprechen, wie über das Benefizspiel, an dem ich teilnehmen werde. Waren das noch Zeiten, als wir beim FC Vaduz in der Jugendmannschaft gespielt haben. Ich freue mich wirklich darauf, auf dem Rasen zu stehen und ich habe eine Ausrede, abends mit Timothy und Gregor eine Runde kicken zu gehen. Schließlich muss ich doch trainieren.

Der Park des Palais Liechtenstein ist perfekt dafür. Nur schade, dass noch renoviert wird und wir erst in zwei oder drei Wochen unser Quartier dort beziehen können. Aber ich kann immerhin das Arbeitszimmer benutzen, so dass ich nicht ständig pendeln muss, falls ich spontan eine Videokonferenz mit zuhause führen muss. Und für Fussball ist der Park des Sommerpalais ideal. Ich erinnere mich, dass ich als Kind gerne mit Vater hier gekickt habe. Harald und sogar Hans-Herrmann haben mitgespielt und wir spielten ganze Europa- und Weltmeisterschaften im Schnelldurchlauf, wo Liechtenstein fast immer gewonnen hatte. Wenn ich denke, dass es schöne Zeiten waren, komme ich mir manchmal wie ein alter Mann vor, doch es schien wie aus einem anderen Leben zu sein. Mein erstes Leben am Ende der Rangfolge. Es war schön und sorglos, ich hatte so viel mit Vater unternommen und Mamma verwöhnte mich so sehr, dass es mir zu den Ohren herauskam. Als der Berg Vater zu sich holte, fand es ein jähes Ende. 'Wo isch d'r Aeti'? fragte ich noch, und dann flossen Tränen über Mammas Gesicht. Dann fand ich mich in Urbino wieder und ich wachte immer wieder auf, weil ich nicht wusste wo ich war, und schließlich war ich in Vaduz, bei Onkel Abrecht und Tante Amalie.

Damit begann mein zweites Leben, unter Onkels Obhut, denn Mamma war dazu nicht in der Lage. Sie hatte ihr eigenes Kreuz zu tragen. Ich war Onkel näher als seine eigenen Söhne und Enkel, obwohl ich mich nicht dazwischendrängen wollte. Aber das war der Weg, den Gott für mich ausersehen hatte. Ein Weg im Schatten, und ich wollte nur für Onkel Abrecht da sein, so wie er für mich da war. Ich wollte studieren, einen Posten in der Bank übernehmen und vielleicht später eine Karriere als CUN-Senator anstreben. Nicht mehr und nicht weniger. Und dann, vor kaum drei Monaten, fing mein drittes Leben an, als Onkel Abrecht an den Folgen der Herzattacke starb.. Ich habe als Kind meinen Vater verloren, und dafür als Heranwachsender einen zweiten Vater bekommen, und als Erwachsener diesen Zweitvater verloren, und nun bin ich ein Landesvater.

Der Herr gibt, und der Herr nimmt, und es steht mir nicht an, dies in Frage zu stellen. Auch nicht, dass er mir jenen Weg gewiesen. Ich werde gehen, wo auch immer er mich hinlenken möchte...
Antworten


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste